“Wieder so ein Scheißtag ohne meinen Walter, denke ich mir oft, wenn ich in der Früh aufwache”, öffnete sich meine Yogaschülerin Lene mir gegenüber.
Ich musste nachfragen, um sicher zu gehen, mich nicht verhört zu haben. Lene (65) hatte vor 1,5 Jahren ihren Mann verloren und lebt seit dem mit einem schweren und auch gebrochenen Herzen.
Ein gebrochenes Herz kann sehr schwer sein, es kann dich nach unten ziehen, dich verzagen lassen und dir jede Hoffnung nehmen. Walter, war ihr Führer, wie Lene sagt. Er hat sie durch das Leben geführt, er war der aktive Part der Beziehung und schmiedete stets die Pläne für ihr gemeinsames Leben. Sie vermisst ihn. Das spüre ich. Und jetzt liegt die Last, das Leben selbst zu meistern auf ihren Schultern, sie ist verzagt und lässt die Schultern hängen. Die Schultern stehen für Stärke und Durchsetzungsvermögen. Die Kraft und Stärke fehlen ihr. Das Herz gilt als Mittelpunkt des menschlichen Lebens und als Sitz aller Lebenskraft – und -freude. Ihr Herz ist zurückgezogen und wird von den Schultern geschützt. Und auch ihre Gedanken stehen kaum still, tagtäglich dreht sich das Gedankenkarussell in Höchstgeschwindigkeit. Rauben ihr den Schlaf und die Konzentration.
Besuche beim Hausarzt, der ihr Pillen gegen Depression und Schlaflosigkeit verschrieb, endeten im Fiasko. Die Pillen waren miteinander nicht verträglich und so hatte sie das Zeitgefühl verloren, die Wochentage verwechselt und stürzte schlussendlich mit dem Fahrrad.
Glücklicherweise verfügte Lene über noch so viel Verstand und Kraft, dass sie zu einem Psychotherapeuten ging, der ihr sämtliche Pillen wegnahm. „Sie müssen das alleine schaffen“, sagte er Lene. Das ist selten zu hören. Viel zu rasch werden Medikamente verschrieben.
Schlussendlich landete sie bei mir im Yoga. Und ich beobachte sie. Ich sehe ihre Kraft-, Mut- und Lieblosigkeit sowie ihre Unbeholfenheit, in der Art wie sie ihre Übungen absolviert. Und ich erlebe ihre Dankbarkeit, wenn ich sie „führe“, ihr helfe, die Positionen zu halten oder zu vertiefen. Mir Zeit für sie nehme. Ihr Wunsch und ihre Sehnsucht, dass sie – wieder – jemand führt sind spürbar und verständlich.
„In ein neues Liebensabenteuer möchte ich mich nach 1,5 Jahren noch nicht stürzen“, erzählt sie mir, auch aus Rücksicht auf ihre und Scham gegenüber ihrer Tochter.
Ich bezweifle, dass ihr eine neue Beziehung helfen würde noch, dass sie schon bereit dafür wäre, solange sie den Schmerz und die Vergangenheit nicht verarbeitet hat. Wer an der Vergangenheit klebt, hat es schwer in die Wirklichkeit zurück zu finden und neue Herzens-Freundschaften zu schließen.
Derartige Schicksale berühren mich und so bemühe ich mich im Rahmen meiner Möglichkeiten und meinem Wissen mit Yoga zu helfen.
Wir denken, dass sich das Leben nur draußen abspielt, und dass Yoga etwas ist, was wir nur auf unserer Matte üben und losgelöst ist vom Rest unseres Lebens. Doch „on the mat is off the mat“, man könnte sagen, die Matte ist das Spiegelbild unseres Lebens. Yoga durchwirkt unser Leben. Nicht nur physisch sondern auch im übertragenen Sinn.
„The shoulders are the door to happiness“, heißt es. Mit Yoga können wir unser Herz öffnen, damit es weicher, flexibler und wieder leichter wird. Wir können unsere Schultern kräftigen, um die „Last“ des Lebens tragen zu können, bis diese Last keine Last mehr ist. Mit dieser Offenheit und (Lebens)Kraft, können wir von der Matte in den Alltag hineintreten.
Eine herzöffnende Yogapraxis mit vielen kräftigenden Schulteröffnern und vitalisierenden Rückbeugen kann uns dabei unterstützen, unser Herz zu öffnen und wieder bereit für die Liebe und das Leben zu sein. Rückbeugen öffnen den Brustraum, schaffen Platz für Neues, sie vertiefen unsere Atmung, wecken unsere Lebensenergie, heben unser Herz und unser Gemüt.
Wir können mit Yoga unser Herz zum Fliegen bringen und mit neuer Lebensfreude unserem Leben entgegentreten.
Liebe Lene, flieg!
Für dich zum Üben
Herzöffnende Übungen:
- Natarajasana (Tänzer)
- Virabhadrasana III (Krieger)
- Anahata Asana (Herzposition)
- Bhujangasana (Kobra)
- Shalabhasana (Heuschrecke), Variationen
- Dhanurasana (Bogen)
- Urdhva Dhanurasana (Rad)
- Setu Bandasana (Brücke)
- Ustrasana (Kamel)
- Supta Virasana (liegende Held)
- Matsyasana (Fisch)
Für die Schultern
- Sonnengruß A und B
- Chatturanga Dandasana (Liegestütz) mit Unterarmen am Boden
- Adho Mukha Shvanasana (Abschauender Hund) mit Unterarmen am Boden
- Urdhva Mukha Shvanasana (Aufschauender Hund)
- Purvottanasa (Bretthaltung)




















